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Der Zwang in der (Berufswahl-) Freiheit und ihre Folgen

Man mag meinen, dass Freiheit doch ganz wunderbar sei! Natürlich genießen wir die Freiheit in unserem Leben, wo sie uns zu bereichern scheint. Doch nicht immer und überall kommen Menschen damit zurecht, ihr Leben selbst zu gestalten, zumal sie dann dafür geradestehen müssen, wenn etwas “ daneben“ geht.

So gab es im mittelalterlichen Feudalismus beispielsweise keine Berufswahlfreiheit, denn der gesellschaftliche Stand, in dem der Einzelne hineingeboren wurde, bestimmte das weitere, auch berufliche Leben. So blieb dem Sohn eines Bauern nicht viel übrig, als in die (beruflichen) Fußstapfen seines Vaters zu treten. Dafür konnte er wenigstens (im christlichen Mittelalter) Gott die Schuld in die Schuhe schieben, wenn das Leben unglücklich verlief. Und heute?

Heute liegt es prinzipiell an jedem Einzelnen, etwas aus seinem Leben zu machen. “ Vom Tellerwäscher zum Millionär!“ Wer schon früh viel zu leisten vermag, erhöht seine Chance, auch die Karriereleiter steil nach oben zu erklimmen.

Doch was passiert mit den vielen jungen Menschen, die kein Einser-Abitur schaffen oder das Studium abbrechen? Was geht in Schülern vor, die ohne Schulabschluss die Schule verlassen (müssen)?

In diesem Kontext beschreibt Reiner Preul ganz treffend:

‚Prinzipiell ist jede gesellschaftliche Position für jeden erreichbar: durch den Erwerb entsprechender Qualifikationen und durch etwas Fortune. Der Satz des Paulus „Ein jeder bleibe in dem Stand, in dem er berufen wurde“ (1. Kor. 7, 20 nach der Züricher Bibel) ist obsolet geworden. Jeder ist, was seine soziale Lebensplanung, seine Karriere, betrifft, seines Glückes Schmied, und es wird ihm zugemutet, das zu sein. Diese Vorstellung führt beim Heranwachsenden zunächst zur Produktion von Wunschträumen. Dann stellt sich die Aufgabe, die tatsächlich vorhandenen Talente und Kräfte zu erkennen und diese Erkenntnis mit den Wunschvorstellungen zu vermitteln, wobei diese in der Regel korrigiert und auf das tatsächlich realisierbare Maß zurückgeschnitten werden müssen. (…) Ich kann nur etwas, weil ich mir etwas zutraue, und ich traue mir nur etwas zu, weil ich nachgewiesenerweise etwas kann. Das impliziert dann die weitere Aufgabe, die Fähigkeiten (…) auszubilden. So erfolgsversprechend und sinnvoll diese Strategie zu sein scheint, man beschreitet damit doch einen Weg voller Klippen und Unwägbarkeiten. Schon die Notwendigkeit der innerpsychischen Reduktion von Zielphantasien ist für viele mit herben Enttäuschungserfahrungen verbunden (…). Man fühlt sich dann entweder als Versager oder als Opfer, und beides ist gleichermaßen frustrierend. Die narzisstische Kränkung wird verschärft, wenn zur eigenen Verunsicherung die der enttäuschten Eltern hinzutritt: Was soll aus ihm/aus ihr bloß werden?‘

Quelle: PREUL: 2003, S. 39-40
Reiner Preul (Praktische Theologie), schlussfolgert in seinem eben zitierten Buch „So wahr mir Gott helfe! Religion in der modernen Gesellschaft“ , dass sich Kirche verstärkt um die besagte Kränkungen, um „Midlifekrisen“ und Frustrationen von betroffenen Menschen kümmern muss.

Bezogen auf die Pädagogik heißt das, dass dort geholfen werden muss, wo Menschen Misserfolge zu verkraften haben, wo sie spüren, dass sie nicht mithalten konnten wie vielleicht andere. „Kompensation“ heißt hier das Stichwort, das Preul nennt. Ein Begriff, der die gesellschaftliche Verantwortung in der heutigen „Leistungsgesellschaft“ gut verdeutlicht.

Buch-Tipp:

Reiner Preul: So wahr mir Gott helfe! Religion in der modernen Gesellschaft. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2003.

ISBN 3-534-14303-5

Silvio Ströver, Diplom-Pädagoge